PannArch
Verein zum Schutz und zur Erhaltung archäologischer Güter im Burgenland

Die Archäologie des Neusiedler Sees

Mag. Dr. Hannes Herdits

Die beginnende dauerhafte Besiedlung des Neusiedler-See-Beckens fällt in die Phase der ersten atlantischen Warmzeit um etwa 6500 v. Chr. Im zentraleuropäischen Urwald entstehen zu dieser Zeit einige wenige Lichtungen, die durch Ringeln der Bäume mit Schuhleistenkeilen und anschließende Brandrodung angelegt wurden. Eine dieser Lichtungen befand sich in der Ried „Fellner“ in Purbach am Neusiedlersee, wo beim Kelleraushub für einen Neubau unter einer vornotenkopfzeitlichen Siedlungsschicht eine Grube gefunden wurde, die ein sehr grob hergestelltes Gefäß enthielt (vgl. Abb. 1), das als eines der ältesten Tongefäße Österreichs gelten muss. Unweit davon in Donnerskirchen hat man beim Bau des Golfplatzes ebenfalls Gruben eines frühest-neolithischen Bauerndorfes ergraben, die Überreste des europäischen Wildesels und eines Wasserbüffels enthielten. Die abgenutzten Stirnzapfen des Wasserbüffels weisen auf seine Nutzung als Zugtier hin.

Bereits Mitte des 19. Jhdts. wurden bei Begehungen des Seebodens in der Zeit einer großflächigen Austrocknung des Sees und des Hansag umfangreiche neolithische Funde gemacht, die Anlass zur Vermutung gaben, dass es sich bei den neolithischen Siedlern nicht um Pfahlbauern, sondern um Bewohner von regulären Freilandsiedlungen gehandelt hat. (1)

Tatsächlich existieren in unmittelbarer Nähe des heutigen, konstant gehaltenen Seeufers in Mörbisch (2), Donnerskirchen (3), Podersdorf (4) und Purbach (5) neolithische Siedlungsstellen, die heute bisweilen durch Hochwasser betroffen und nicht begehbar sind (vgl. Abb.2). Eine besondere Stellung unter den frühneolithischen Siedlungen nimmt die im Rückhaltebecken zwischen Schützen/ Geb. und Oslip gelegene Stelle ein. Die dortigen Funde wurden in einer Tiefe von etwa zwei Metern unter heutigem Niveau getätigt (6). Es ist demnach mit nicht unwesentlichen topographischen Veränderungen im Verlauf der letzten 8000 Jahre zu rechnen  - alte Bachläufe wurden aufgefüllt und neue geschaffen – das Relief muss sich insgesamt stark verändert haben.

In der Zeit des Mittelneolithikums ab etwa 4700 v. Chr. werden sowohl die Höhen des umgebenden Hügellandes als auch Stellen, die heute unter dem Seespiegel oder nur knapp darüber liegen, besiedelt (7). Das mag mit einer veränderten Wirtschaftsweise zu tun haben, aber auch auf kurzfristig stark veränderte Wasserstände des Sees zurückzuführen sein.

Die Kupferzeit sieht einen dauerhaften Seespiegelanstieg, kein Fund liegt unter Seeniveau. Im Gegenteil, es werden speziell eher hochgelegene Plätze aufgesucht, die dennoch neben Fließgewässern situiert sind. Einzig Grabfunde liegen nur knapp über dem gegenwärtigen Seeniveau. Siedlungen sind beispielsweise in Purbach (vgl. Abb. 3), in Neusiedl (vgl. Abb. 4), in Gols (vgl. Abb. 5), in Breitenbrunn (vgl. Abb. 6) und wahrscheinlich in Pamhagen (vgl. Abb. 7) vorhanden. Gräber befinden sich in Neusiedl (vgl. Abb. 8, 9, 10), wahrscheinlich in Illmitz (vgl. Abb. 11), insbesondere aber in Oggau (vgl. Abb. 12), wo diese namengebend für  eine kupferzeitliche Kulturgruppe wurden.

Auch in der Bronzezeit liegt keine Siedlung unter Seeniveau, so zum Beispiel Illmitz (8) oder Podersdorf/ Illmitz (9). Klimatisch rechnet die Archäologie mit Verhältnissen wie in der Gegenwart. Bekanntheit haben die Gräberfelder von Jois (10) und Oggau (11) erlangt, da hier der Kulturübergang von der beginnenden zur entwickelten Frühbronzezeit fassbar wird. (vgl. Abb. 13, 14, 15). Die klassische Frühbronzezeit ist in diesem Raum die sogenannte Wieselburger- (nach Mosonmagyarovar) oder Gata-Kultur (nach Gattendorf) mit ihren typischen Gefäßen (vgl. Abb. 16). Es handelt sich um eine relativ bevölkerungsreiche, „satte“ Bauernkultur.

Die Verhältnisse ändern sich um 1700 v. Chr. in der Mittelbronzezeit schlagartig. Die Bevölkerung lebt offensichtlich in Transhumanz – Viehzucht dürfte eine große Rolle gespielt haben. Die neue „Draßburger Kultur“ oder „Litzenkeramik“ weist typische Abdrücke von parallel gelegten Bogensehnen auf. Man errichtet Burgen auf Anhöhen, offensichtlich um den Viehbestand zu schützen. Interessanterweise hat diese Kulturerscheinung eine klare Nord-Süd Verbreitung entlang des Ostalpenrandes und ist die erste klassische Ausprägung der „Bernsteinstraße“, des topographisch günstigsten Nord-Süd-Kontaktweges in Europa. Die dichteste Verbreitung findet die Litzenkeramik just im westlichsten Pannonien. Mittelbronzezeitliche Funde sind nicht sehr häufig. Ein Gräberfeld befindet sich in Oggau (vgl. Abb. 17), Siedlungsstellen in Draßburg und Großhöflein.

Die eisenzeitliche Klimaverschlechterung der Hallstattperiode beginnt bereits in der Spätbronzezeit ab etwa 1200 v. Chr. Zuvor ungenutzte Höhenlagen werden vermehrt aufgesucht und in der sogenannten Urnenfelderzeit massiv mit Wall-Grabensystemen befestigt. Die Hügelgräbergruppen von Tadten (vg. Abb. 18) und Pamhagen (vgl. Abb. 19), die mit aller Wahrscheinlichkeit in die Spätbronzezeit zu stellen sein werden, liegen auf Anhöhen, die ursprünglich Inseln im damals möglicherweise viel größeren See gewesen sein könnten. Pferdetrensen wie die aus Pamhagen (vgl. Abb. 20) oder Pfeilspitzen (vgl. Abb. 21) weisen auf eine kriegerische Komponente der Bevölkerung hin. Tatsächlich sind die sogenannten „Urnenfelderwanderungen“, die in Griechenland, Palästina und Nordägypten registriert werden, wohl die Auswirkungen einer eurasischen Klimaverschlechterung. Die Metallurgie erlebt in diesen Zeiten eine Hochkonjunktur, die anhand vieler Metallfunde rekonstruierbar ist (vgl. Abb. 22).

In der frühen Eisenzeit ab etwa 800 v. Chr. (Hallstattperiode) dürfte der Tiefpunkt der feuchtkühlen Klimaperiode liegen. Grabhügel auf Erhebungen im Seewinkel (vgl. Abb. 23 und 24) und am Leithaberg (vgl. Abb. 25) bieten einen hervorragenden Ausblick auf das Umland, so als ob diese Punkte bewusst ausgewählt worden wären (vgl. Abb. 26). Nur ein verschwindend kleiner Bruchteil dieser Hügel wurde ausgegraben, zeigt aber eine sehr stark in „Reiche“ (vgl. Abb. 27, 28, 29) und „Arme“ gegliederte Gesellschaft. Es sind vermehrte Anzeichen auf intensive Viehzucht vorhanden. In den Burgen existiert eine Textilindustrie beachtlichen Ausmaßes.

Noch in der späten Eisenzeit oder La-Téne-Periode dauert diese Kaltzeit an. Die Siedlungen liegen relativ hoch (12). Zugehörige Gräberfelder wurden überhaupt in Hanglage festgestellt, so in Mörbisch (vgl. Abb. 30) und Donnerskirchen (13). Die tiefstgelegenen La-Téne-Gräber des Seewinkels liegen auf dem noch heute bebauten „Siedlungshügel“ von Pamhagen, wohl auch die zugehörige Siedlung (14). Dennoch dürften bereits in der ausgehenden Eisenzeit wieder einzelne Trockenperioden aufgetreten sein. Spärliche Funde dieser Epoche stammen auch aus Feuchtgebieten (15).

Die Zeit der römischen Besiedlung in den ersten vier nachchristlichen Jahrhunderten fällt in eine Periode mit relativ hohen Temperaturen und niedrigen Wasserständen. Römische Besiedlungsspuren finden sich in allen Höhenlagen außer an den oberen Hängen des Leithagebirges. Eine der tiefstgelegenen römischen Villen des Neusiedler Bezirkes liegt südlich von Apetlon im heutigen Überschwemmungsgebiet und ist nur in trockenen Jahren gut sichtbar (16). Ebenso in Winden (17), wobei sich der dortige Vicus allerdings bis auf die Höhen der ehemaligen Windener Heide erstreckt. Durch den Windener Vicus verläuft auch die römische Hauptstraße nach Carnuntum, vulgo „Bernsteinstraße“, die an nicht wenigen Stellen dem Seeufer gefährlich nahe kommt. Zwischen Donnerskirchen und Purbach (vgl. Abb.31) verläuft die Trasse fast auf heutigem Seespiegelniveau. Ebenfalls tief liegen die römischen Gräber bei Rust (18) und die römische Villa bei Mörbisch (19); die Gräber beim Oggauer Seebad müssten in den nachfolgenden Feuchtperioden zuweilen unter dem Wasserspiegel des Sees gelegen sein (20). Aber auch auf der Schotterterrasse der Parndorfer Platte, die in römischer Zeit extrem trocken gewesen sein müsste, findet sich eine nicht unbeträchtliche Zahl von Siedlungsstellen und Gräbern der ersten vier nachchristlichen Jahrhunderte (21). Die römischen Hinterlassenschaften sind insgesamt sehr zahlreich (vgl. Abb. 32, 33, 34, 35, 36, 37 und 38) und zeigen, vollständig kartiert, eine auffällige Deckungsgleichheit mit anderen warmzeitlichen Siedlungsstellen, z.B. des Frühneolithikums und des Hochmittelalters.

Aus der Zeit der Völkerwanderung und des frühen Mittelalters sind bis heute leider viel zu wenige Funde bekannt. Es ist eine Zeit der Klimaverschlechterung mit spärlichen Siedlungsbefunden, die zum Großteil aus wieder besiedelten, höher gelegenen römischen Villen stammen, die von Langobarden, Awaren und anderen Völkern genutzt wurden (vgl. Abb. 39, 40).

Ab etwa 800 n. Chr. folgte wieder ein Klimaoptimum, das bis zur „kleinen Eiszeit“ des Spätmittelalters andauerte. Viele in dieser Zeit gegründete Siedlungen, z.B. bei Illmitz oder Wallern (22), verfielen später. Illmitz wurde nach Osten verlegt, die wüste Siedlung von Wallern auf 116m Seehöhe wurde auf 122m verlegt (vgl. Abb. 41, 42, 43). In der hochmittelalterlichen Warmzeit angelegte Dörfer und Friedhöfe, für letztere darf das Gräberfeld von Wallern als herausragendes Beispiel gelten, die zur Zeit ihres Bestehens ein bewirtschaftbares Umland mit Feldern und Weiden aufwiesen, wurden nach ihrer Aufgabe ab etwa der Mitte des 14. Jhdts. vom See überflutet und mit Schlamm überdeckt. Dennoch konnten der Weinbau (vgl. Abb. 44) und die Viehwirtschaft des Spätmittelalters zu beträchtlichen Reichtum führen.